Ratschläge helfen nicht

Trauernden Eltern beistehen


Viele verwaiste Eltern brauchen meist noch lange Unterstützung und Anteilnahme. Foto: Kai Remmers / mag

7.10.2020

Trauernden möchte man gute Ratschläge geben – helfen tut ihnen das aber kaum. Das gilt besonders für Eltern trauernder Kinder: Ihr Umfeld sei damit oft völlig überfordert, so Heiner Melching. Der Sozialpädagoge hat jahrelang Trauergruppen geleitet und ist heute Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Aber wie begegnet man jemandem, dessen Schmerz und Gefühlswelt nur nachempfinden kann, der selbst schon einmal in dieser Situation war? „Die Antwort ist ganz einfach“, sagt Melching: „Seid so ratlos wie ihr seid.“ Hingehen, nichts empfehlen, sondern die Katastrophe aushalten. Dass die pure Präsenz eines anderen dem Trauernden gut tut, erlebt auch Karin Seidenschnur häufig. Die Seelsorgerin bietet Gespräche in Krankenhäusern und dem Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin an. „Ich sitze manchmal einfach nur da und spreche gar nicht.“ Oft genug sagt auch ihr Gegenüber nichts. „Später melden mir die Eltern dann aber zurück, es habe ihnen geholfen, dass ich da war.“ Wer helfen möchte, sollte das unbedingt aktiv anbieten.
 

Aktiv unterstützen

Viele spielen den Ball an den Trauernden zurück“, ist Melchings Erfahrung. „Sie sagen: Ruf mich an, wenn du mich brauchst.“ Nur: Braucht ein Trauernder Unterstützung, wiegt der Telefonhörer gefühlt auf einmal oft 100 Kilo. Deshalb formuliert man besser umgekehrt: „Ich rufe dich am Montagabend an, und wenn du nicht reden möchtest, nimmst du einfach nicht ab.“ Was auch entlastet: Aufgaben abnehmen. „In den ersten Wochen nach dem Tod des Kindes hilft es ungemein, wenn zum Beispiel jemand für einen einkaufen geht.“

Im Supermarkt entstünden oft unangenehme Situation, etwa, wenn andere noch nicht wissen, dass das Kind gestorben ist. Was verwaisten Eltern in der ersten Zeit allerdings manchmal helfe, sei, über ihr Kind zu sprechen. Auch Schuldgefühle spielen oft eine Rolle, sagt Seelsorgerin Seidenschnur. „Fast jeder, der ein Kind verloren hat, fragt sich, ob er nicht doch noch irgendetwas hätten tun können.“ Manche zweifeln auch, ob sie zum Beispiel in der Schwangerschaft alles richtig gemacht haben – etwa, wenn das Kind einen Gendefekt hatte. „Natürlich ist das Quatsch, aber gegen solche Gedanken kommen Eltern nicht an.“ In der ersten Zeit nach dem Tod ihres Kindes haben verwaiste Familie häufig noch recht viel Besuch, es kommen Karten, ab und an ruft auch jemand an. „Nach und nach hört das auf“, ist Seidenschnurs Erfahrung. Doch der Schmerz bleibt. „Trauernde Eltern hören immer wieder: ‚Das ist doch jetzt schon Jahre her.‘“ Ja, möchte sie dann gern antworten, aber das Kind ist immer noch tot. mag