Ein Stadion im Wandel der Zeit

Bewegte Vergangenheit und schöne Zukunft


26.07.2021

Wiedersehen macht Freude. Das spürt man auch sehr deutlich in Darmstadt. Die Pandemie zieht sich – zumindest vorerst – zurück und beugt sich den sommerlichen Temperaturen, die wiederum die Menschen nach draußen treiben. Die City lebt auf – und zwar zu einem erheblichen Teil maskenlos. Denn mit sofortiger Wirkung ist die Pflicht zum Tragen einer solchen Mund-Nasen-Bedeckung aufgehoben. In den Geschäften gilt diese zwar noch und auch die Abstandsregelung bleibt als Schutzmaßnahme erhalten. Dennoch dürfen die Einzelhändler und Gewerbetreibende diverse Einkaufsschranken fallen lassen. Die attraktiven Angebote tragen ihrerseits dazu bei, dass die Geschäfte gut besucht sind. Auch die Darmstädter Gastronomie darf endlich aufatmen. Gerade in den Außenbereichen der Bistros, Cafés und Restaurants ist ein enormer Andrang zu verzeichnen. Mit den obligatorischen Schnelltests werden zudem die Innenräume gerne zum Genießen aufgesucht. Natürlich gibt es den einen oder anderen Spielverderber. Der griechische Buchstabe Delta kratzt derzeit an unser aller Sehnsucht nach Sorglosigkeit. Doch die gute Laune lassen die Menschen sich davon nicht verderben. Beruhigend ist dabei natürlich, dass die Wissenschaftsstadt mit Impf- und Testzentrum sowie dem großen Engagement der Helfer und Mitarbeiter im Gesundheitswesen gut aufgestellt ist. Neu sortiert sich gerade das kulturelle Leben, weshalb prägende Veranstaltungen wie das Heinerfest nur „im Herzen“ oder in abgespeckter Form stattfanden oder noch begangen werden. Aber auch hier ist Licht am Horizont. 
    

Merck

Von Bäumen und Grenzmarkierungen

Was hat Sport mit Pappeln zu tun, jenen zur Familie der Weidengewächse gehörenden Bäumen, die besonders häufig in klimatisch gemäßigten Gebieten Nordamerikas oder Eurasiens vorkommen? Nicht viel, möchte man meinen – außer man richtet seinen Blick auf Darmstadt und das dortige Merck-Stadion am Böllenfalltor. Zugegeben: Zum „Bölle“ gehen, hat heute nur selten etwas mit Pflanzen zu tun, sondern beschreibt den Besuch einer sportlichen Großveranstaltung, meist eines Spiels der Fußballer von Darmstadt 98.

Wir Lilien

Und doch weist eben jener Ausdruck auf die Pappeln hin. Die wurden laut verschiedener Sprachwissenschaftler in früheren Zeiten im Südhessischen als „Böllen“ oder „Bellen“ bezeichnet. Sie kamen dort, wo das Stadion heute steht, in großer Zahl vor – wie auch eines der sogenannten Falltore. Diese dienten unter anderem als Zollstationen, als Regulierung des Viehtriebs und des Forstverkehrs und als Schutz von Jungwald vor dem Wild.

Sparkasse Darmstadt

Vor diesem geschichtlichen Hintergrund durften die Pappeln nahe des Stadion aufgrund einer städtischen Anordnung von 1920 nicht gefällt werden. Der Verein hatte damals die Patenschaft für sie übernommen.

AS - Mirko Janovich

Sportliche und bauliche Höhenflüge: Ein Blick zurück

Ist heute vom Böllenfalltor die Rede, denken die meisten an Fußball und im Speziellen die Kicker des SV Darmstadt 98. Aus gutem Grund: Denn der Fußball war die Initialzündung für die Errichtung des Stadions. Am 11. November 1919 hatte sich der Fußballklub Olympia mit dem SC zum SV Darmstadt 98 zusammengeschlossen. Ab seiner Gründung 1898 hatte der FK zunächst am Schlossgartenplatz, ab 1909 auf der Radrennbahn gespielt. Mit der Fusion der Vereine ging nun der Wunsch einher, in einem größeren Stadion zu spielen.

Dem Wunsch und letztendlich auch der Notwendigkeit wurde schon bald nach der Fusion der Vereine entsprochen und der Bau zwischen 1919 und 1921 umgesetzt. Die Kosten für die Sportanlage beliefen sich auf rund 240 000 Reichsmark. Sie hielt damals Platz für beachtliche 8000 Zuschauer. Offiziell eingeweiht wurde das Stadion im Rahmen einer Sportwoche zwischen dem 24. und 31.Juli 1921. Als Gast und Gegner trat im Rahmen eines Freundschaftsspiels der Freiburger FC an – und war der Heimmannschaft mit 4:1 unterlegen.

Ab 1950 wurde das Stadion umfangreich umgebaut. Grund für den Umbau war wie in den späteren Jahren der sportliche Erfolg. Denn 1950 feierten die Lilien, damals kurzzeitig im Hochschulstadion untergebracht, die Meisterschaft in der Landesliga Hessen. Im April 1950 besiegten sie vor 12 000 Zuschauern Viktoria Aschaffenburg mit 3:2.

Kultstätte faszinierender Historie: Das Merck-Stadion am Böllenfalltor. Foto: SV Darmstadt 98
Kultstätte faszinierender Historie: Das Merck-Stadion am Böllenfalltor. Foto: SV Darmstadt 98
Die Geschichte des Stadions ist eng mit der des SV Darmstadt 98 verknüpft. Dessen Fußballer hatten vor allem ab der Saison 2013/2014 einiges zu feiern und taten dies nicht nur im Stadion, sondern unter anderem, wie auf dem Foto zu sehen, auf dem Balkon des Staatsarchivs nach dem „Wunder von Bielefeld“. Auch der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier gratulierte: „Den Darmstädtern ist eine Sensation gelungen.“ Sie hätten aus dem Spiel ein „Herzschlagfinale“ gemacht. Der SV 98 hatte damals mit einem 4:2-Sieg nach Verlängerung im zweiten Relegationsspiel gegen Arminia Bielefeld eine 1:3-Niederlage aus dem Hinspiel wettgemacht. Und der Bölle stand daraufhin Kopf. Foto: André Hirtz
Die Geschichte des Stadions ist eng mit der des SV Darmstadt 98 verknüpft. Dessen Fußballer hatten vor allem ab der Saison 2013/2014 einiges zu feiern und taten dies nicht nur im Stadion, sondern unter anderem, wie auf dem Foto zu sehen, auf dem Balkon des Staatsarchivs nach dem „Wunder von Bielefeld“. Auch der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier gratulierte: „Den Darmstädtern ist eine Sensation gelungen.“ Sie hätten aus dem Spiel ein „Herzschlagfinale“ gemacht. Der SV 98 hatte damals mit einem 4:2-Sieg nach Verlängerung im zweiten Relegationsspiel gegen Arminia Bielefeld eine 1:3-Niederlage aus dem Hinspiel wettgemacht. Und der Bölle stand daraufhin Kopf. Foto: André Hirtz

In der Aufstiegsrunde zur Oberliga Süd, damals die höchste Spielklasse, setzten sich die Darmstädter sensationell durch. Mit diesem Erfolg ging eine Modernisierung des Stadions am Böllenfalltor einher, in das die Kicker zurückkehrten. Mit der Beendigung der Maßnahmen war der Bölle ab 1952 für 25 000 Zuschauer ausgelegt. Für die Bausubstanz nutzte man zum Teil Weltkriegsschutt. Ein Umstand, der viele Jahrzehnte später mitverantwortlich war für den maroden Zustand und Verfall von Teilen des Stadions und zu deren Abriss führte.

1975 wurde die alte überdachte Sitztribüne aus Holz durch eine neue überdachte Fläche mit 4000 Plätzen ersetzt und am 8. November offiziell eingeweiht. Baukosten: über 3 Millionen D-Mark. Nicht zuletzt die Auflagen des DFB im Kontext der Erfolge der Lilien machten in der Folge hohe Investitionen notwendig. Denn nach dem Gewinn der Süddeutschen Meisterschaft 1973 und dem Aufstieg in die 2.Bundesliga im Folgejahr gelang den Lilien 1978 der Aufstieg in die 1. Bundesliga. Die DFB-Auflagen erforderten daraufhin allerdings eine Erhöhung auf 30 000 Plätze. Den sofortigen Wiederabstieg der „Feierabendfußballer vom Böllenfalltor“ – die Spieler gingen trotz Bundesligazugehörigkeit geregelten Berufen nach – verhinderte das nicht. 1981 kämpfte man sich unter Trainer Werner Olk erneut ins Oberhaus. Und diesmal musste eine neue Flutlichtanlage ausgegeben werden.

Heute werden derartige Investitionen mit einer mehrere Jahre andauernden finanziellen Talfahrt in Verbindung gebracht, der die sportliche folgte. Auch deshalb ging das Stadion zeitweilig in den Besitz der Wissenschaftsstadt Darmstadt über.

2008 musste der Verein sich gar einem Insolvenzverfahren stellen, wurde aber durch Spenden, Hilfsprojekte und das gehörige Zutun von Lilien-Präsident Uwe Kessler gerettet. Die Lilien spielten in der Folge zeitweilig in der Oberliga Hessen, bevor ab der Saison 2013/14 der legendäre Durchmarsch in die Bundesliga begann. Mittlerweile haben sich die Lilien in der 2. Liga festgesetzt. Auch wirtschaftlich hatte sich der Verein längst erholt, weshalb das Stadion ab 2017 in den Besitz der Tochtergesellschaft, der SV 98 Stadion GmbH, überging.
      

Alles etwas kleiner: Auf dem Weg zu einer modernen Arena

In seinem persönlichen Rückblick erinnert sich Jens-Jörg Wannemacher, verdienter ehemaliger Echo-Sportchef im Vorruhestand, an die verdutzten Schalker Spieler, die 2001 beim Pokalspiel die Umkleidekabine aufgrund ihrer geringen Größe als solche nicht wahrnahmen. Das zeigt: Am Bölle denkt man zuweilen in kleineren Dimensionen. Klaus Allofs, Ex-Fußball-Nationalspieler und nach seiner aktiven Zeit unter anderem Manager vom SV Werder Bremen bezeichnete den Bölle schlicht als „anders“.

Der Verzicht auf Luxus macht den Verein selbst keineswegs unattraktiver, ihn und das Stadion womöglich beschaulicher, sympathischer, bodenständiger. Allerdings konnte das den Makel des Verfalls nicht verschleiern. Denn Fakt ist auch, dass die einst 30 000 Sitzplätze nach 2011 trotz Zweitligazugehörigkeit um beinahe die Hälfte reduziert werden mussten. Probleme bereitete gerade in der jüngeren Geschichte der Zustand der Arena, obgleich mobile Tribünen provisorisch Abhilfe verschafften. Zeitweilig erlaubte die Deutsche Fußball Liga (DFL) einen Betrieb des Stadions nur unter Auflagen. Und sogar ein möglicher Umzug nach Offenbach geisterte lange durch verschiedene Medien. Solche Pläne sind mittlerweile vom Tisch.

Das Bild hat sich mittlerweile komplett gewandelt. Viel Geld wurde in die Hand genommen, um einen umfangreichen Modernisierungsprozess in Gang zu setzen. Und auch wenn das Objekt baubedingt hinter Ligakonkurrenten in Punkto Platz und Größe zurückstecken mag, muss es sich absolut nicht mehr hinter anderen Arenen verstecken. Exemplarisch dafür ist im Innenbereich das Funktionsgebäude am Böllenfalltor, das Ende 2019 in Betrieb genommen wurde, und nicht nur eine moderne Geschäftsstelle, sondern ebenso neue Mannschaftsräume implementierte. Seit Anfang 2015 verfügt das Stadion sogar über eine neue von Stadion-Namensgeber Merck finanzierten Anzeigentafel. Die ist rund 30 Quadratmeter groß und funktioniert über ein modernes und energieeffizientes LED-System. Über allem steht aber ohne Frage das Bühnenareal.

Ende 2017 stellten Oberbürgermeister Jochen Partsch und Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch in einer Pressekonferenz die Pläne für den umfangreichen Stadionumbau vor. Fußball stand dabei von Beginn an im Fokus. Mehr noch sahen die Verantwortlichen recht schnell von einer Konzeptionierung als Multifunktionsarena ab. Der Umbau begann 2018. Als eines der Herzstücke wurde die Gegengerade abgerissen, damit aber auch ein Identifikationsobjekt, für manch einen gar ein Stück Heimat, in die ewigen Jagdgründe geschickt. Auch bei schlechtestem Wetter hatten die eingefleischten Fans hier recht ungeschützt getrotzt und ihre Lilien unterstützt. Auf der neuen Gegengerade durften sie sich dann über die Komplettüberdachung freuen.

Regelmäßig wird die Fußball-Arena am Böllenfalltor Schauplatz für soziales Engagement. Und die Fans tragen viel dazu bei.
Regelmäßig wird die Fußball-Arena am Böllenfalltor Schauplatz für soziales Engagement. Und die Fans tragen viel dazu bei.
Einsatz für mehr Toleranz. Am Stadion wehten kürzlich Regenbogenfarben als Protest gegen die ungarische Regierung. Fotos: Guido Schiek
Einsatz für mehr Toleranz. Am Stadion wehten kürzlich Regenbogenfarben als Protest gegen die ungarische Regierung. Fotos: Guido Schiek
Am 24. Juli 1921 wurde der Sportplatz am Böllenfalltor offiziell eingeweiht. Rund 8000 Zuschauer passten damals ins Stadion. Die sahen beim ersten Freundschaftsspiel des SV 98 einen 4:1-Sieg gegen die Gäste des Freiburger FC. (Foto: DE)
Am 24. Juli 1921 wurde der Sportplatz am Böllenfalltor offiziell eingeweiht. Rund 8000 Zuschauer passten damals ins Stadion. Die sahen beim ersten Freundschaftsspiel des SV 98 einen 4:1-Sieg gegen die Gäste des Freiburger FC. (Foto: DE)

Auf dem Weg in die Zukunft: Die Haupttribüne

Der nächste Schritt zum innovativen Stadion wurde schließlich mit dem Abriss der Haupttribüne angestoßen. Der erfolgte im Sommer letzten Jahres und läutete die Demontierung des 45 Jahre alten Stadionstücks ein. Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch hatte den Abriss und Neubau der Haupttribüne als „alternativlos“ bezeichnet. Mittel- und langfristig hätte man keine Betriebserlaubnis mehr erhalten. „Wir haben unsere Fans von Beginn an mit einbezogen und auf viele Anregungen reagiert“, erklärte dazu Michael Weilguny im Vorfeld des Abrisses. Im November letzten Jahres liefen die Rohbauarbeiten an. Am 1. März diesen Jahres fand die Grundsteinlegung statt. Oberbürgermeister Jochen Partsch, Stadtkämmerer André Schellenberg (CDU) sowie Präsident Fritsch und SV 98-Geschäftsführer Michael Weilguny versenkten gemeinsam die Zeitkapsel im Grundstein, die ein Trikot der Lilien 2020/2021 sowie eine Ausgabe des Darmstädter Echo vom 1. März 2021. Rund 26,7 Millionen Euro soll die neue Haupttribüne kosten. Partsch sieht im gesamten Umbau eine wichtige und notwendige Investition in die sportliche Infrastruktur unserer Stadt und damit in eine erfolgreiche Zukunft des Sports und Profisports in Darmstadt und ganz Südhessen, der neben seiner identitätsstiftenden Funktion natürlich auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist“. Der beläuft sich nach jetzigen Schätzungen auf 46,7 Millionen Euro, an denen sich die Stadt Darmstadt mit einem Investitionskosten-Zuschuss von maximal 21 Millionen Euro beteiligt. Weitere 3,5 Millionen Euro kommen vom Land Hessen. Das restliche Geld wird vom SV Darmstadt 98 über Fremd- und Eigenkapital erhoben. Die Haupttribüne ist ein wesentlicher Bestandteil davon. Zwar hat Corona die Arbeiten an dieser verzögert. Gleichwohl liegt man laut Aussage verschiedener Stellen im Plan und geht von einer Fertigstellung zur Saison 2022/2023 aus.

Rund 2900 Personen sollen dort dann Platz haben, davon sind 850 bis 900 als Business-Plätze gedacht. Auf der Tribüne sind zudem Plätze für Rollstuhlfahrer eingeplant. Zusätzlich sind 19 Logen eingeplant. Das Untergeschoss wird mit dem Sportbereich ausgestattet sein inklusive Umkleidekabinen und Medienareal. Im Erdgeschoss finden mit Fertigstellung dann Sponsoren und Werbepartner Platz. Vom 2. Obergeschoss aus wird die Stadionregie alles Notwendige regeln.

Vom Fortschritt der Haupttribüne können sich Interessierte digital sogar selbst überzeugen. Täglich wird über eine Webcam jeweils um 8, 12 und 16 Uhr ein aktuelles Foto hochgeladen. Die Fotos sind zu sehen auf www.sv98.de/home/lilien/baucam-haupttribuene.
    

Das Stadion als Ausdruck des soziales Gewissens

Dass Sponsoren maßgeblich Einfluss auf den Namen eines Stadions haben, ist keine Seltenheit. Erstliga-Absteiger Schalke 04 und einer der zukünftigen Gegner der Lilien schmückt sich mit einer Biermarke im Stadionnamen. Die Initialen RB vor Leipzig bringen viele statt mit Rasen-Ballsport vermutlich eher mit der Abkürzung für einen Energiedrink in Verbindung, zumal sich jener dann auch im Titel der Spielstätte wiederfindet. Und der Name des einstigen Frankfurter Waldstadions wird seit vielen Jahren vom Bankenwesen geprägt. Daran ist nichts Verwerfliches. Auch die 98er sicherten sich ab der Spielzeit 2014/2015 bis 2024 durch ein Namenssponsoring der Spielstätte finanzielle Unterstützung seitens des Darmstädter Chemie- und Pharmaziegiganten Merck. Gleichwohl war man sich im Unternehmen, wie auch bei den Verantwortlichen der Stadt Darmstadt eines bewusst: Der Stadionname ist Teil der Fan-Identifikation, womöglich sogar ein Stück Darmstädter Identität. Die spiegelt sich nun in dem Langnamen Merck-Stadion am Böllenfalltor wider, weil die Referenz zum „Bölle“ erhalten bleibt.

Darüber hinaus ist das Stadion häufig Sinnbild für das soziale Gewissens des Vereins, der Fans und der Stadt. Hervorgehoben werden muss hier die Saison 2016/17, als Merck auf die Namensnennung im Stadiontitel verzichtete. Die Arena fungierte fortan unter „Jonathan-Heimes-Stadion am Böllenfalltor“, um eben Johnny Heimes, jene jugendliche Identifikationsfigur, zu würdigen, die im März 2016 verstarb und zusammen mit Tennisspielerin Andrea Petkovic die gemeinnützige Gesellschaft „Du musst kämpfen“ gegründet hatte.

Auch auf anderen Ebenen rückt das Stadion immer wieder ins Zentrum karitativer Aktionen. Man warb hier für Stammzellenspender oder veranstaltete Charity-Aktionen rund um den Bölle. Ins Bild passt dazu stadionunabhängig auch die 2012 noch zu Drittligazeiten ins Leben gerufene Sozialkampagne des Vereins „Im Zeichen der Lilie“, über die Saison für Saison in Kooperation mit Vereinspartnern und Unternehmen Geld für soziale Projekte gesammelt wird.

Zuweilen wird das Stadionrund genutzt, um klar Stellung gegen Ausgrenzung zu beziehen. So wehten kürzlich am Tag des Europameisterschafts-Länderspiels Deutschland gegen Ungarn Regenbogenfarben in der Stadt und am Bölle. Damit solidarisierte man sich hier mit der Schwulen-, Lesben-, Bisexuellen- und Transgenderbewegung (LGTB). Schon Oberbürgermeister Jochen Partsch hatte in diesem Zusammenhang betont, dass die Stadt sich in großen und kleinen Aktionen vehement für diskriminierte Gruppen weltweit einsetzt. Und auch für die Lilien war das weit mehr als eine Imageaktion. Schließlich engagiert man sich hier vehement gegen Homophobie und wagt dann auch schon mal, gegen Institutionen wie die UEFA Stellung zu beziehen. Die Software AG und Merck hatten dafür ohne Zögern auf Werbeflächen verzichtet. Ein Verein also nahe am Leben, so wie das Stadion selbst – und das nun schon seit 100 Jahren.

Nicht nur Fußball

König Fußball ist Trumpf am Bölle. Verwunderlich ist das nicht. Denn schließlich lieferte das runde Leder im zuvor genannten Vereinszusammenschluss die Basis für den Stadionbau. Gleichwohl beherbergte das Stadion in seiner einhundertjährigen Geschichte eben nicht nur Kicker, sondern gab die Rasenfläche auch für fußballfremde Akteure frei.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geschah dies eher zwangsweise. Im April 1946 wurde das Stadion durch die US-Behörden beschlagnahmt. Fortan nahmen die US-amerikanischen Truppen dieses für sich ein, um hier ihrerseits ihrer Nationalsportart Baseball nachzugehen. Allerdings war jene sportliche Zweckentfremdung nur von kurzer Dauer. Ab 1950 traten auf der Rasenfläche wieder die Lilien in einer der Oberligen in Aktion. Diese markierten vor Einführung der Bundesliga die höchste deutsche Spielklasse.

Doch nicht nur sportlich wurde hier Abwechslung geboten. Zwar prägen heute darmstatium, Staatstheater, Mollerhaus und andere größere und kleinere Einrichtungen das kulturelle Leben Darmstadts. Doch auch am Bölle lag zumindest zeitweilig Musik in der Luft. Zahlreiche Rock- und Popgrößen nutzten die Arena für ihre Darbietungen. Allen voran Sir Elton John. Der eröffnete im Juli 2003 die Residenzfest spiele. Zugegeben: Zuvor gab es noch ein Benefizfußballspiel zugunsten der Special Olympics.

Die Fußballer legten bis dato ab und an eine härtere Gangart ein. Gleiches galt für die Künstler. Erinnert sei nur an das 4th Golden Summernight Festival am 23. August 1981. Keine geringeren als Motörhead und Iron Maiden zündeten hier mindestens musikalisch ein Feuerwerk und ließen es ordentlich krachen. Und auch die selbst ernannte „beste Band der Welt“, die Ärzte, brachte im positiven Sinne dann im Juli 2004 die Fans beim Unrockstar Open Air zum Toben, begleitet von den heute mittlerweile genauso berühmten Beatsteaks.

Eine wunderbare Melange zwischen Kultur und Kicken gelang vor zwei Jahren Frank Goosen, der als angesehener Autor und Bochumer Edelfan in einer Lesung am Bölle auf amüsante Weise die speziellen Auswüchse rund um den damaligen Ligakon kurrenten der Lilien, aufs Korn nahm. (lie/red)