Geschichtsträchtige Kreisstadt

Heppenheim blickt auf eine wechselvolle Biografie zurück

Historischer Ort: Im Jahr 1847 tagte im Hotel Halber Mond die Heppenheimer Versammlung. Foto: Karl-Heinz Köppner

19.08.2020
Manuel Pereira

Auch die britische Schriftstellerin Elizabeth Gaskell war von Heppenheim beeindruckt. Während ihrer Besuche in den Jahren 1858 und 1860 logierte sie wiederholt im „Halben Mond“, damals das erste Haus am Platz. Ihre Eindrücke hat sie später in der Novelle „Six Weeks at Heppenheim“ verarbeitet: Sie beschreibt eine harmonische, friedlich ländliche Landschaft mit Menschen, die eine tiefe Heimatverbundenheit und einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn zeigen. Das bekannte Gasthaus ist der Schauplatz dieser romantischen Kurzgeschichte, in der vor malerischer Weinbergs-Kulisse drei sehr unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen. Eine Szenerie aus dem 19. Jahrhundert, als die Uhren noch langsamer gingen und sich die Menschen auf die elementaren Dinge des Lebens konzentriert haben. 

Erstmals urkundlich erwähnt wird das historische Haus bereits 1617. Als wohl prominentester Gast checkt die spätere russische Zarin Marija Alexandrowna ein. Die junge Prinzessin zu Hessen-Darmstadt mag sich dort ähnlich wohlgefühlt haben wie jene Gruppe von liberalen Abgeordneten, die in Heppenheim ganz andere politische Ziele hegten. Das Treffen am 10. Oktober 1847 ging als „Heppenheimer Tagung“ und als Wegbereiter der Frankfurter Nationalversammlung in die Geschichte ein. Der Initiator David Hansemann, ein Kaufmann und Bankier, hatte sich für den „Halben Mond“ als Veranstaltungsort entschieden, da das ländliche Heppenheim den Vorteil bot, abseits der Zentren potenzieller Revolutionäre gelegen zu sein. Fast 100 Jahre später, im Dezember 1948, wurde in der Stadt die FDP gegründet. Heppenheim wurde wegen seiner besonderen Rolle in der deutschen Revolution und für den deutschen Liberalismus ausgesucht.

Auch wenn er in diesem Jahr nicht stattfand, ist der Bergsträßer Weinmarkt seit 1952 ein Dauerbrenner in der Stadt. Foto: Karl-Heinz Köppner
Auch wenn er in diesem Jahr nicht stattfand, ist der Bergsträßer Weinmarkt seit 1952 ein Dauerbrenner in der Stadt. Foto: Karl-Heinz Köppner

Die Wurzeln der Stadt reichen weitaus tiefer in eine Zeit, in der von souveränen Nationalstaaten und uneingeschränkten Bürgerrechten kaum die Rede gewesen sein dürfte. In einer Schenkungsurkunde aus dem Jahr 755, die im Lorscher Codex überliefert ist, wird Heppenheim mit seiner Kirche St. Peter erstmals erwähnt. Damit gehört es neben Weinheim zur ältesten urkundlich dokumentierten Siedlung an Bergstraße und Odenwald. 773 wurde das Dorf von Karl dem Großen dem Kloster Lorsch übertragen. Im achten Jahrhundert war die Mark Heppenheim rasch gewachsen, was auch an deren Bedeutung für die Erschließung des weltlichen Herrschaftsbereichs im heutigen Odenwald gelegen haben mag. Die Siedlung entwickelte sich an ihrer prominent gelegenen Ost-West-Achse bald zu einem Knotenpunkt von Handel, Kirche und Verwaltung. Die Rolle als zentraler Standort der Fürstabtei Lorsch unterstreicht der Bau der Starkenburg im Jahr 1065. Der Name tauchte wohl erstmals um 1206 auf: Die Festung hatte in den Auseinandersetzungen mit dem ehrgeizigen Erzbischof Adalbert von Hamburg- Bremen, der sich die Anlage als Schenkung sicherte, eine gewisse Widerstandsfähigkeit bewiesen. Bis heute ist „Starkenburg“ als symbolische Bezeichnung der Region erhalten geblieben. Heppenheims Stellung als Verwaltungsmittelpunkt festigte sich.

Dem Mainzer Bischof gelang es 1232, die Reichsabtei als königliche Schenkung zu erhalten. Inklusive Heppenheim mit seinem Centgericht. Mit Beginn der Kurmainzer Herrschaft wurden dem Ort 1318 die Stadtrechte verliehen. Doch das Lorscher Erbe sorgte weiterhin für Streit, zwischen Kurmainz, Kurpfalz und den Grafen von Katzenelnbogen – ebenfalls ehemalige Lorscher Vögte. Erst im Dreißigjährigen Krieg konnte Kurmainz durch Kündigung der Pfälzer Pfandschaft seine Ansprüche wieder geltend machen.

Mit dem Reichsdeputationshauptschluss vom Februar 1803 wurden die territorialen Verhältnisse im Reich neu geregelt. Heppenheim wurde Teil der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. Drei Jahre später wurden Heppenheim und das Fürstentum Starkenburg dem Großherzogtum Hessen angegliedert. Mit dem Bau der Main-Neckar- Bahnstrecke im Jahre 1846 begann für Heppenheim das Eisenbahnzeitalter. Wahrscheinlich stieg auch Elizabeth Gaskell am Heppenheimer Bahnhof aus, der nur einen Steinwurf vom „Halben Mond“ entfernt ist. tr